Das OLPC-Projekt in Ruanda

am 21. März 2011 um 21:30 in Erlebnisse, Fotos, Meinung, Politik, Wissen | bisher 2 Kommentare

Fünf Tage lang war ich im Rahmen eines Projektaustausches innerhalb des DED / der GIZ in Byimana und habe dort Anfang März eine Woche lang mit David an einer Primarschule unterrichtet. Die dort stationierten Freiwilligen unterrichten ausschließlich an den OLPCs, die One-Laptop-Per-Child-Laptops oder auch als 100-Dollar-Laptops bekannt. Auch wenn Byimana ein schönes Städtchen (Dorf) ist, versuche ich mich in diesem Artikel auf die Laptops zu konzentrieren:

wasserdichte Tastatur

Wo geht's hin? Links oder rechts?

Eigentlich fängt dieser Blogeintrag schon viel früher an. Es muss das Jahr 2006 gewesen sein, in dem die erste Pressemitteilung das Netz durchströmte, dass man einen 100-Dollar-Laptop, speziell für Kinder und Schulen, entwickeln wolle. Unglaublich schnell war ich fasziniert, las mir ein unglaublich breites Wissen über diese gesamte Rechnerreihe an und fing sogar an die Software in einem Emulator zu testen und Testberichte auf dem Wiki des OLPC-Projektes auszufüllen. Keine große Arbeit, aber es zeigt, wie enthusiastisch ich damals war.

Unterm Strich wurde das Ziel des unter-100-Dollar-Laptops leider bis heute nicht erfüllt, aber der Laptop ist erschwinglich (129 Dollar?) und er leistet einiges.

Der Laptop ist speziell auf Kinderbedürfnisse, auch bei widrigeren Umständen, eingerichtet. Die Tastatur hat Kinderformat, ist staub- und soweit wasserdicht. Das Touchpad ist ausreichend groß. Das matte Display hat mich sofort überzeugt: es reflektiert Sonnenlicht. Das Display ist ausreichend hell für Räume und Schatten. Geht man ins direkte Sonnenlicht wäre auf einem normalen Display nichts mehr zu erkennen, das OLPC-Display hingegen reflektiert das Sonnenlicht, sodass man ein kontrastreiches schwarz-weiß Display erhält. Schaltet man das Hintergrundlicht gänzlich aus, wird das Display in einen schwarz-weiß Modus versetzt, bei dem der kleine Bildschirm auf einmal eine Auflösung von 1200×900 Pixeln erhält und perfekt zum Texte lesen geeignet ist. Sonnenlicht vorausgesetzt.

Das Design des Laptops gefällt mir, vor allem die farblich Gestaltung der XO-Figuren (s. Foto). Der Rechner ist robust, steif, stabil. Das Display ist hart, drücken patschige Kinderhände auf das Display gibt es vielleicht Fettflecken, aber keine Kristallschlieren auf dem Display. Alle beweglichen Teile sehen so aus als könnten ihnen auch robuste Handhabungen nichts anhaben. Die Hardwareaustattung enthält ebenfalls keine beweglichen Teile wie Festplatten, die zum Beispiel mit Flashspeicher ersetzt wurden. Man kann den Rechner wahrscheinlich problemlos an die Wand schmeißen und danach immer noch hochfahren. Einmal drauf setzen sollte das Gerät auch nicht weiter beeinträchtigen, erst recht wenn es nur ein kleiner Kinderpopo ist.

Die Hardwareausstattung des OLPC reißt niemanden vom Hocker. Sie ist für die Kinder aber auch nicht essentiell. Es geht schließlich nicht um Feintuning, sondern darum, die Grundzüge kennen zu lernen. Dual-Core, HD-ready und 3D-Shooter sind noch nicht Vokabeln, die man hier lernt. Hier lernt man keyboard, mousepad und screen. Und wenn ein Programm 15 Sekunden zum Öffnen braucht, dann stört das erstmal auch niemanden. Besser als gar nichts zu öffnen.

Die speziell für die Laptops entwickelte Oberfläche Sugar läuft mit einem Fedora-Linux. Die Oberfläche läuft ausreichend zügig und eigentlich kindereinfach – aber zum Thema kindereinfach später noch mehr. Der Rechner startet in ungefähr 100 Sekunden. Zwar gibt es Rechtsklicks, die Kontextmenüs öffnen sich nach einer gewissen Wartezeit aber von selber.

Die Softwareausstattung ist wiederum etwas hakeliger. Ich gehe davon, dass jedes Land andere Software installiert, ich rede jetzt also von Ruanda. „Standardsoftware“, die wohl jedes Land hat (Schreibprogramme etc.), läuft ausgesprochen flüssig. Die vielleicht Einigen bekannte Software gcompris – Lernsoftware für Linux-Rechner – hat wiederum zu hohe Anforderungen und ruckelt so vor sich hin. Spaßig sind Malaria-Aufklärungsprogramme. Die Offline-Mini-Version von Wikipedia macht zwar sehr viel Sinn, aber ist deutlich zu langsam für den Spaß am Lernen.

Ich hatte weiterhin das Gefühl, dass in unseren Klassenräumen zwei verschieden Builds (Versionen) der OLPC-Betriebssysteme liefen. Das machte sich einmal durch eine leicht veränderte Optik und weiterhin über merklich unterschiedliche Geschwindigkeiten bemerkbar. Leider hatte ich nicht die Gelegenheit gefunden, dem ganzen auf die Spur zu gehen. Und bevor ich es vergesse, statt Sugar lässt sich auch eine ganz normale Gnome(Linux)-Oberfläche laden.

Eine Akkuladung entspricht etwa zweieinhalb bis drei Stunden bei Vollast/Dauernutzung. Wird der Rechner nicht benutzt, schalten sich die Systeme soweit runter, dass z.B. nur noch der Bildschirm Strom braucht.  Ohne Hintergrundbeleuchtung, Nutzung des Sonnenlichts und bei einfachem Lesen ist der Rechner sicher 8 Stunden ohne Strom nutzbar.

Wer noch mehr wissen will, liest sich am besten den sehr ausführlichen Artikel auf Wikipedia durch: OLPC XO-1 – Wikipedia

Warum es in Byimana so unwichtig ist, dass die non-Standard-Software so langsam ist.

Ich würde ja gerne über das gesamte OLPC-Projekt in Ruanda sprechen, aber das kann ich nicht und das betone ich hier auch nochmal. Ich möchte nur das Fallbeispiel Byimana geben, was anderen Leuten als Pool für mehr Informationen dienen soll.

Ursprünglich wurden die OLPCs kreiert um Kindern den Zugang zu neuer Technologie zu ermöglichen. One Laptop per Child heißt übersetzt: ein Rechner pro Kind und das wird auch in Ruanda so umgesetzt. Die Byimana Primary School erhielt für jedes Kind der (4.,?) 5. und 6. Klasse einen Rechner. In einer Elternkonferenz stellte sich jedoch heraus, dass die Eltern ihren Kindern nicht trauen. Vor allem aus der Angst heraus, dass die Kinder den Rechner kaputt machen und die Eltern dafür aufkommen müssen, musste die Schulleitung dann entscheiden, die Rechner in der Schule zu behalten.

Ursprünglich war auch die Idee, dass die Lehrer den Rechner als Lehrmaterial einsetzen können. Auf den Rechnern kann man prima Bücher lesen, es gibt eine Kamera zur Dokumentation, man kann Sound aufnehmen, im Schreib- und Malprogramm können sich Kinder per WLAN zusammensetzen und an EINEM DOKUMENT zusammen arbeiten. Der Rechner soll auch der erstze Zugang ins Internet sein.

Aber auch hier zeigt sich ein Schwachpunkt. Keiner der Lehrer benutzt den PC im Unterricht; keiner weiß wirklich, wie diese zu bedienen oder zu unterrichten sind. Erforderliche Schulserver gibt es nicht, somit auch kein Internet oder die Möglichkeit Bücher auf die Schülerrechner zu übertragen. Knackpunkt ist hier vielleicht auch ein bisschen die ruandische Regierung, die mit viel Enthusiasmus, aber vielleicht auch zu wenig Expertise an die Sache ranging. In den meisten Ländern ist die OLPC-Initiative aktiv an der Implementierung (Fortbildung, Installation, Ausarbeitung von Lehrplänen) beteiligt, doch hier hat das ruandische Ministerium für Bildung und Erziehung das Zepter alleine in der Hand. Die Rechner selber sind schon teuer, aber man muss eben auch in Mehrfachstecker, Lehrerausbildung und Lehrpläne investieren.

Unterm Strich sind die beiden Freiwilligen in Byimana die Einzigen, die an den Laptops unterrichten. Sie unterrichten ICT, wie ich, nur mit kleinen Kindern und kleinen Laptops. Das heißt, die Rechner verkommen wieder nur zum sinnlosen Arbeitsinstrument, was man beherrschen sollte, aber niemand kann verstehen wofür. Der Unterricht verläuft in Englisch, auch wenn die Freiwilligen versuchen soviel Kinyarwanda wie möglich einzustreuen. Aber das Resultat ist, dass auch nur gute Englischschüler verstehen, was man von ihnen will. Die Klassen sind um die 50 Jungs und Mädchen stark, bei dieser Größe ist es nochmal schwerer nachzuvollziehen, ob jeder mitkommt. Haben einige einen mehrsätzigen Text nach 10 Minuten bereits fehlerfrei abgeschrieben, schlagen sich andere noch mit dem Sinn der Space-Taste rum und sind dabei das zweite Wort zu beginnen; wobei sie dann vergessen, dass man Shift drücken muss um einen Großbuchstaben zu schreiben.

Zwangsläufig kann man den Unterricht nur so gestalten, dass alle dasselbe machen. Leider dauert es aber ungefähr 10 Minuten, bis jeder Rechner gestartet ist, jedes Kind das touchpad benutzt um den Mauszeiger aufs Schreibprogramm zu bewegen, endlich kapiert, dass erst der Linksklick das Programm startet und dann das Gelernte auch noch richtig umsetzt. Wieder haben es die Schlauen in den ersten 10 Sekunden hinter sich, der Rest braucht sehr viel Starthilfe. Nach einer Unterrichtseinheit von 2 Stunden hat man einen Text abgeschrieben, Fehler verbessert, zwei Wörter ersetzt und den Text wieder gelöscht. Das ist nicht viel.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Unterricht dynamischer werden würde, wenn die Kinder die Rechner mit nach Hause nehmen dürften. Dort könnten sie ausprobieren, rumspielen, selber lernen und den Spaß eines Rechners kennen lernen. Man erwähne nur so tolle Sachen wie Tetris oder die Kamerafunktion. Nachbarkinder könnten abends miteinander chatten, die „Mesh Network“-Funktion des WLAN kennen lernen und vor allem Funktionen selber entdecken. Der Lerneffekt durch „learning by doing“ sollte nicht unterschätzt werden. So habe ich Computer „gelernt“. Und weiterhin würden auch die Eltern ein neues Bild vom Computer bekommen.

Schade ist auch, dass keiner der Lehrer ernsthaft mit dem Gerät umgehen kann oder versteht, worum es sich dabei handelt. Wenn der Direktor fragt, ob denn auch Microsoft Office auf den Rechnern laufe (ob man Bücher schreiben könne), ob man USB-Sticks anschließen könne, ob man damit Texte drucken könne und wie es mit Festplattenspeicher und MP3-Support aussieht…

… es zeigt nicht nur, wie einseitig die Lehrer Computer betrachten, sondern auch, dass sie sich damit noch nie auseinandergesetzt haben. Das scheitert vielleicht am Wille, aber auch an der entsprechenden Fortbildung.

Es fehlt das Konzept

In Ruanda fehlt ein einheitliches Konzept. Längst nicht alle Schulen wurden bis jetzt mit den PCs ausgestattet. Es gibt keine einheitlichen Standards (geschweige denn finanzielle Mittel) für das Aufladen der Geräte – nicht jede ruandische Familie hat einen Stromanschluss, nicht jedes Klassenzimmer genügend Steckdosen um Strom zu garantieren. Erst recht fehlt ein Lehrplan. Dass die Schüler die Laptops nicht nach Hause nehmen dürfen, ist ein Strukturproblem. Entweder man klärt alle Beteiligten über Nutzen und Risiko auf oder man forciert per Gesetz und garantiert den Eltern finanzielle Sicherheit.

Derzeit werden an der Schule insgesamt gerade mal 100 Rechner zum Unterrichten benötigt. Der Rest schlummert noch in der Originalverpackung und wird nicht benutzt. Ist das nicht schade?

Fazit

Die Rechner haben ein Riesen-Potential. Leider scheitert es im Fall Byimana an einer im Detail geplanten Umsetzung und Expertise.

Die Rechner müssen nach Hause: das ist erstes Ziel der OLPC-Idee. Schnell wüssten die Schüler mehr über ihren Laptop als ihr Lehrer, was selbige vielleicht anspornen könnte sich damit ebenfalls auseinander zu setzen. Es muss wenigstens eine „freie Zeit“ geben, in der die Schüler die Gelegenheit haben, sich mit ihrem eigenen Rechner auseinanderzusetzen.

Ein letzter Punkt könnte dann noch das Hindernis Englisch sein. Die Rechner laufen in englischer Sprache. Auch wenn Ruanda große Töne spuckt: die kleinen Kinder verstehen kein Englisch, zumindestens nicht genug Kinder, dass es für die Laptops reicht. Die Software von Englisch nach Kinyarwanda zu übersetzen kostet vielleicht zwei Tage; aber könnte viel bewirken. Zumindestens sollte es Kinyarwanda-sprechende Lehrer geben, die das Englische des Rechners erklären können. Nicht nur Freiwillige.

Das Projekt hat mir sehr gut gefallen. Es hat mir Spaß gemacht dort eine Woche zu arbeiten. Trotz einer Kürzung bei den weltwärts-Stellen im Allgemeinen werden beide Projektplätze in Byimana erhalten bleiben. Und das ist gut so. Das Projekt hat noch mehr Potential als es bereits schon hat. Ihr zukünftigen Freiwilligen, die ihr dort arbeitet und das hier lest: ihr dürft euch ein bisschen freuen.

Am letzten Arbeitstag hatten wir übrigens keinen Unterricht. Byimanas Grundschule spielte gegen eine Nachbarschule und der Unterricht fiel dafür aus. Nach einer 0:2 Niederlage in der ersten Halbzeit, gewann Byimana doch noch mit 3:2. Ein spannendes Spiel!
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2
Kommentare
Meggi
26. März 2011
16:54 Uhr

mir scheinen 129 Dollar sehr viel Geld für ein „Unterrichtsgerät“, von dem scheinbar weder die Kinder noch die Eltern und leider nichtmal die Lehrer wissen, wozu es wirklich gut ist. Sind die Kinder denn begeistert bei der Sache? Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es ist, keinen Strom zuhause zu haben und dann auf so einem kleinen Ding Texte zu schreiben. Interessieren sich die Kinder dafür oder wäre ihnen vielleicht eine moderne Nähmaschine oder ein Generator lieber. Glaube kaum, dass abends mit Nachbarskindern „chatten“ zu können, ganz oben auf ihrer Wunschliste steht.

Henrik
29. März 2011
11:21 Uhr

Nein, es steht nicht auf ihrer Wunschliste, mit dem Rechner abends zu Hause zu sitzen und mit ihren Nachbarn zu chatten. Selbstverständlich nicht. Denn wenn man nicht weiß, dass sowas geht, würde man es sich auch nicht wünschen. Die Geräte laufen lange genug ohne Steckdose – das ist kein Argument.
Das wichtigste Argument ist, dass die Kinder so den Anschluss an den Rest der Welt erhalten. Würde man Internet überall verfügbar machen, sogar noch mehr. Die Möglichkeit den Rechner als solchen kennen zu lernen, ist das Ziel. Chancengleichheit. Dass das Gerät dabei klein ist stört auch wenige. Wer von den Kids weiß denn etwa, dass es größere Rechner gibt? Für Texte schreiben reicht das alle Mal.

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