Plastik-Einkaufs-Tragetaschen – ein Mythos

am 25. Oktober 2010 um 14:10 in Politik, Wissen | bisher 3 Kommentare
Plastik beim Einkauf

ja, das gibt es hier...

Ich weiß noch, wie ich mich lange Zeit vor meiner Ausreise schon mit Ruanda beschäftigte. Nahezu jeder Artikel, der eine kurze Einführung zu Ruanda gab, versuchte zu betonen, dass es in Ruanda keine Plastiktüten gibt. „Abgefahren“, dachte ich da nur und freute mich ein wenig später dann auch darüber, in ein dermaßen umweltbewusstes Land fahrenzu dürfen. Noch bei meiner Abreise achtete ich darauf, keine Plastiktüten (in welcher Form auch immer) mitzunehmen. Das war auch gut. Aber meine Sicht auf die Dinge hat sich relativiert.

Schon am Flughafen wurde ich stutzig. Rupert Neudeck erzählte in einem Kurzvortrag in Bonn noch im Juni oder Juli von einer „Durchsuchung nach Mülltüten“. Ich wurde nicht durchsucht und nichtmal gefragt, ob ich Mülltüten importiere. Einzig ein kleiner Bürotisch wies Leute mit in Plastik verpacktem Gepäck darauf hin, dass das Plastik zu entfernen sei.

Es stimmt, hier in Ruanda gibt es keine Plastiktüten, präzise gesagt: Plastik-Einkaufs-Tragetaschen. Stattdessen werden einem in Alimentationen (Kiosks) oder Supermärkten immer Papiertüten für den Transport gereicht. Weil diese jedes mal wieder neu 20 RWF (3 cent, klein) bzw. 50 RWF (7 cent, groß) kosten, werden sie sogar regelmäßig wiederverwendet. Das ist gut, so entsteht weniger Müll und Papier verottet auch um Jahrtausende schneller als Plastik.

Gleichzeitig hat sich das Stadtbild verschönert. Mit-weltwärtsler aus Sambia berichten auf ihren Blogs allesamt von Plastiktüten, die überall in der Stadt rumfliegen, während Frauen neben diesen unsortierten, unverottbaren Müllbergen stehen und für wenig Geld die nächsten Plastiktüten an den Müll bringen wollen; das gibt es hier nicht. Das Stadtbild ist mülltechnisch sauber und gepflegt. Aber wer denkt, in Ruanda gäbe es keine Plastiktüten oder gar kein Plastik, der hat sich geirrt.

Obst und Gemüse wird regelmäßig in Plastiktüten abgepackt verkauft. Kauft man eine 10er-Packung Klopapier hat man eine Plastiktüte in der Hand. Kaufen wir morgens unsere 10-Frühstücks-Weißbrötchen, sind sie in 50% der Fälle unter der Papierpackung noch mit Plastik verpackt. Und dann wären da noch Honig- und Marmeladengläser, Ölkannen, Materialverpackung und, und, und…

Liebe Leser und Autoren, die zukünftig etwas über Müll in Ruanda recherchieren sollten: Ja, es gibt keine Plastikeinkaufstüten, aber trotzdem Plastiktüten. Und Plastik. Viel Plastik. Okay, weniger als in Deutschland (wo man seinen Müllverbrauch grundsätzlich im Auge behalten sollte), aber in Deutschland gibt es dafür wenigstens Recyclinganlagen. Hier wird alles verbrannt. Ich betone alles. Das Stadtbild ist sauber, aber ob man die Umwelt auch in ihrem „natürlichen“ Begriff schützen wollte, ist für mich sehr fraglich.

Update (09.11.2010):

Ich habe mittlerweile erfahren, dass Rwanda, da es in der East African Community – einem politischen Konstrukt, welches die EU zum Vorbild hat – ist, Plastiktüten bis zu einer Dicke von 30 Mikrometer akzeptieren muss! Eine Beschlagnahmung wäre illegal, solange die Plastiktüten unter dieser Grenze liegen.
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404. That’s an error.

The requested URL /data/feed/api/user/henrikrwanda/album/Plastikmull?kind=photo was not found on this server. That’s all we know.


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Kommentare
Silke
26. Oktober 2010
19:44 Uhr

Wirklich interessant, aber ich konnte es mir irgendwie auch nicht vorstellen,dass es wirklich gar kein Plastik gibt.
Da sieht man mal wieder, wie schwer es ist, trotz Verbot und Bemühungen, Plastiktüten zu vermeiden, alte Gewohnheiten sehr schwer auszumerzen sind.
Die Baumwolltaschen sind ja auch nicht das A und O, da ihre Herstellung nicht gerade klimafreundlich ist. Was tun?
Mehrmalsverwendung von aus-welchem-Material-auch-immer-Taschen scheint mir zunächst mal das Vernünftigste.
Liebe,nachdenkliche Grüße aus dem kalten Beuel von Mama

Gesche
26. Oktober 2010
20:00 Uhr

Hi Henrik,
schön, dass du das Plastiktüten-Mysterium aufgedeckt hast!! Ich habe mich noch immer gefragt, wie sie das wohl lösen, oder ob die Gefängnisse voller Europäer, mit Plastiktüten im Koffer, sind!?! 😉
Ich verfolge natürlich regelmäßig Deine Blogeinträge und bekomme immer wieder Fernweh! Viel Spaß weiterhin und zahlreiche Einträge für uns „Zurückgebliebene“!
Viele Grüße aus dem a…kalten Berlin,
Gesche

Gudrun
4. November 2010
10:09 Uhr

Das fand ich auch äußerst interessant. Gut dass endlich mal jemand diesen sagenumwobenen Plastiktüten auf den Grund gegangen ist. Danke Henrik.

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