Alltag

am 18. November 2010 um 12:47 in Erlebnisse | bisher unkommentiert

Es juckt mich schon seit langem etwas über meinen Alltag zu schreiben. Nur kann man einen Monat nach Ankunft über seinen „Alltag“ schreiben, zwei Monate, drei Monate? Hoppsala, heute ist mein 99. Tag in Ruanda, morgen wir mein 100. sein. Endlich ein Argument für so einen Artikel. Übrigens der vorerst letzte ohne Kamera – heute treffe ich meine Tante, die bis Montag in Kigali bleibt und mir freundlicherweise eine neue Kamera mitgebracht hat.

Wie sonst auch üblich fängt mein Tag am Morgen an. So gegen 7:30 Uhr klingelt mein Wecker, den ich dann noch zwei- dreimal Schlummern lasse, bevor ich mich aufraffe aufzustehen. Seit einem Monat beginne ich jeden morgen dann erstmal mit ein paar Liegestütze etc. – das bringt Bewegung in den Morgen. Ich wasche mich (und freue mich jedesmal, wenn das Wasser funktioniert), ziehe mich um und gehe 10 Meter vors Haus, wo sich zwei Alimentationen, in denen wir immer unser Brot kaufen. 10 Weißbrote für 500 ist schon sehr günstig. Das Brotholen macht natürlich auch Moritz immer mal wieder.

Zum Frühstücks gibt es wirklich sehr leckeren Honig und sehr leckere Marmelade aus Ruanda. Dabei lese ich meistens SpiegelONLINE auf meinem Handy… irgendeinen Zeitungsersatz braucht man ja.

So gegen 8:40h versuche ich immer das Haus zu verlassen. Ich gehe aus der Tür. Irgendein kleiner Fratz ruft dann immer meinen Namen, beziehungsweise er versucht es. „Momo“ – nein, bin ich ich nicht – „Dawide“ – nein, das war doch mein Vorgänger – „Umuzungu“ – hallo?! – „Eric“ –  ja fast! – „Hennelike“ – ahhhh. „Mwaramutse!“. Die Ausprache, die lass ich ihm mal. Ich gehe links die Straße runter und biege nach zweihundert Metern rechts ab in eine holprige Regengasse.

Jedesmal müssen wir  an „den Frauen“ vorbei. Es hatte ein bisschen gedauert, bis wir kapierten, dass es sich bei ihnen um Prostituierte handelt. Tagsüber bekommen wir davon nie etwas mit, erst nachts treiben sich neben „den Frauen“ (mit Kindern) dann auf einmal Männer rum.

Die Frauen grüßen uns jeden morgen, es ist keine wirklich unangenehme Situation. Aber auch anders – wo in Deutschland sind Familienwohnhäuser und Prostitution so nah aneinander?

Nach 50 Metern Regenpfad gelangen wir dann an die Hauptstraße, wo ein wenig weiter unten die Busse und Motos abfahren. Die Straße ist nach allen Regeln der Kunst geteert, mit Bürgersteig – nichts mit Klischee Afrika oder so. Einzig die Busse, die ich dann für 150 RWF Richtung Nyabugogo / Maison des Jeunes nehme, sind ziemlich Klischee. Okay, man erzählt ja von Bussen, wo 6 Leute nebeneinander sitzen und sich den Fußraum mit 30 Hühner teilen – das erlebe ich hier nicht – aber gesetzlich dürfen sich immerhin noch 4 Menschen eine Reihe teilen. Und das wird natürlich ausgenutzt.

Rechts in einer Busreihe befinden sich immer die Klappsitze. Muss ein Passagier aus der hintersten Reihe raus, müssen alle Klappsitze hoch. Entsprechend lange dauert eine Haltestelle. Finden sich keine Passagiere, wartet man halt. Das kann manchmal lange dauern. In der Zwischenzeit läuft der Motor dann standardmäßig weiter und aus der Musikanlage, die im Gesamtwert sicher zweimal den ganzen Bus wert ist, dröhnt einem ruandische Schnulze, amerikanischer Hip Hop oder manchmal auch Celine Dion entgegen. Im Schnitt braucht ein Bus 25 min bis nach Kimisagara, für vielleicht 5 Kilometer. Ich sollte vielleicht mal hierhin joggen 😉

Im Projekt angekommen, wenn der Bus zackig war sogar europäisch pünktlich, heißt es dann montagsmorgens Meeting mit dem Tutor, ansonsten gucken wo die Probleme liegen. Gerne hat der Server in der Nacht wieder Tücken gehabt und es gibt kein Internet. Ansonsten bereite ich Kurse für den Nachmittag vor oder kümmere mich um anderen Kram der ansteht. Über den Kram werde ich sicher bald auch nochmal schreiben, hat was mit Internet zu tun. Okay, Facebook ist auch gerne mal dabei…

Meine derzeitige „Arbeit mit Menschen“ beschränkt sich immer auf die Nachmittage. Also kommt vorher die Mittagspause, die hier alle von 12-14 Uhr machen. In der Regel gehe ich mit Tobias und Moritz in ein Buffet-Restaurant, wo wir 1000-1200 für ein Buffet bezahlen und nochmal 300 RWF für ein Kaltgetränk. Manchmal gehen wir dafür zu Fuß nach Nyabugogo oder fahren mit dem Bus dafür in die Stadt. Nach der doch immer sehr üppigen Mahlzeit fahre ich zurück ins Projekt.

Die Kurse fangen immer um 15 Uhr an. Dienstags PC-Kurse für ADAP, Mittwochs Recherchentraining im Internet für die Journalisten von HEZA, Donnerstags Englischkurs für ADAP und Freitags nochmal die Journalisten. Bin ich damit fertig, bleibe ich in der Regel noch etwas länger um die Internetanbindung zu genießen oder um Handball zu spielen. Leider fällt das Handballtraining des Verteidigungsministeriums (ist kein Witz…) regelmäßig aus, sodass es eher Zufall ist, wenn man dann mal trainiert. But who cares. Das ein oder andere Mal gehe ich halt laufen.

Bevor ich dann nach Hause fahre, spreche ich mich mit Moritz und Mukimbiya über den Abend ab. An einem durchschnittlichen Tag, vereinbaren wir etwas, das wir kochen und kaufen es nach dem Rückweg auf dem Weg nach Hause ein. Erwähnte ich einmal, dass wir sehr viele Alimentationen um unser Haus haben? Und soooo günstig. Angekommen schnippeln die Einen und ein anderer macht den Holzkohleofen an. Während des Essens und Kochens bespricht man die Tagesgeschehnisse, was passiert ist, welche Probleme anstehen, was morgen passiert. Das Abwaschen schieben wir danach elegant auf den nächsten Tag. Die letzten Wochen haben wir dann immer Tusker geguckt, so eine Mischung aus Popstars, DSDS und Big Brother. Okay, Mukimbiya, aber es gibt halt auch nur einen Sender und wenn der Abend entspannt ist, ist dieses schlecht geschnittene, unkommentierte Format genau die richtige Einstimmung aufs Bett. Da endet eigentlich jeder Abend. Bis zum nächsten Morgen.

Und einen Begleiter gibt es jeden Tag: „P-Square – No Easy“. Morgens hören das die Nachbarn, der Busfahrer, die Leute im PC-Raum, bei der Rückfahrt, der Friseur-Salon an unserer Straße.

Viel Spaß mit diesem ostafrikanischen Hit! 😛

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