Mal was anderes, woanders

am 24. November 2010 um 18:36 in Erlebnisse, Fotos, Meinung | bisher 3 Kommentare

Nachdem ich letztes Mal über meinen Alltag geschrieben habe, liegt es mir mal wieder am Herzen etwas über ein Wochenende zu schreiben und zwar letztes Wochenende. Da war unter anderem meine Tante mitsamt ihrer Freundin hier in Kigali, da hatte ich mit Rapha ein Konzert im Bel-Air und am Samstag ging es in den Nyungwe (Nyungwe-Infos ebenfalls bei Rapha), am Sonntag hatte ich meine erste warme Dusche nach 102 Tagen Ruanda.

Ach wie einfach, damit wäre ja eigentlich alles erzählt. Fotos gibt es natürlich auch noch am Ende. Schön ist es im Nyungwe. Und einen großen Dank an meine Tante, mit der ich im Nyungwe NP war und das ein oder andere Restaurant besuchte, das ich von mir aus nicht betreten hätte…

Aber im Nachhinhein schwirrte etwas mit. Das war nicht das befürchtete Loch, in das ich fallen würde, wenn Familie da wäre und wieder fährt. Nach 15 Minuten war das vorbei. Das war der Gedanke daran, was es bedeutet aus einer materialistisch wohlgenährten Gesellschaft in ein Land zu kommen, in dem der Großteil der Bevölkerung nicht Vollkasko und Rundumsorglos versichert ist. In den vier Tagen, in denen meine Tanten hier waren, hatte ich es mal wieder „was besser“. Wir haben wirklich nicht geschlemmt, aber es war meinem Alltag gegenüber eine Verbesserung, etwas, das sich hier nicht viele leisten können. Aber muss ich deswegen ein schlechtes Gewissen kriegen? Habe ich die Jahre zuvor nicht ungefähr genauso gelebt?

Vor nicht einmal einer Stunde noch saß ich hier noch mit anderen Freiwilligen, die für ihr Zwischenseminar einen kleinen Film drehen wollten, der sich mit den negativen Seiten eines Freiwilligendienstes beschäftigen soll. Dabei kam auch kurz die Aussage auf, dass man „hier schnell dazu neigen würde“, sich bewusst nur mit den Armen zu treffen“. Also fairerweise muss ich hinzufügen, dass derselbe auch anmerkte, dass man kein schlechtes Gewissen haben muss und nicht immer nur so denken muss, aber bleiben wir mal bei der Aussage.

Warum neigt man hier dazu? Natürlich hatte der Freiwilligendienst mal seinen Anreiz „so richtige Armut“ zu erleben. Sowas richtig fieses. Vorbeigucken und wieder gehen. Nein, so wollen wir ja auch nicht sein. Die Lösung für mache: Armut leben. Aber ist das die Lösung? Wir bekommen hier als Freiwillige zu viel Geld um arm zu leben. Und trotz allem stellen einige Freiwillige am Ende des Monats fest, dass es zu wenig Geld ist. Müssen wir uns für unser Geld schämen? Das ist das eine Bild, mit seinem eigenen Problem. Auf der anderen Seite werden natürlich auch die belächelt, die sich mit „Reichen“ rumtreiben und mit diesen Party machen. Die kommen hier vollkommen sinnlos hin, sehen überhaupt nichts Neues, das hätten sie auch in Deutschland haben können. Damit hätten wir zwei wichtige Bilder von Freiwilligen, die von der Presse / dem SPIEGEL wie die Sau durch den Wald getrieben werden.

Schade finde ich nur, dass in dieser Diskussion getrieben vom Anti-Materialismus die Persönlichkeit untergeht. Ist es nicht materialistischer sich nur mit Leuten zu treffen, weil sie wenig Geld haben, als sich einfach mit ihnen zu treffen – ohne zu unterstreichen, dass sie arm sind? Ist es nicht weniger fair, wenn man materiell Wohlhabende für deren Umstand verurteilt und sie deswegen nicht trifft? Sieht man nicht mehr von einem Land, wenn man beides gesehen hat? Hat man nicht mehr Verständnis für ein Land, wenn man beide Seiten und ihre Vor- und Nachteile kennt? Hat der soziokulturelle Austausch nicht erst dann stattgefunden, wenn er im Querschnitt und nicht Ausschnitt passierte?

Der Spagat ist schwierig. Aber er ist einfacher, wenn man davon absieht, wie viel Wohlstand ein Mensch hat und es von der Persönlichkeit abhängig macht. Ich kann nicht leugnen, dass es zwischen Persönlichkeit und vorhandenem Bargeld eine Relation gibt, aber es gibt auch die coolen Ausnahmen, die man nur kennen lernt, wenn man die Bewertung „Reichtum“ ausblendet.

Ich weiß nicht, für wen ich das hier runterschreibe, ich glaube vorrangig für mich selber. Aber vielleicht liest das hier mal jemand, der dasselbe Problem hat oder haben wird. Vielleicht ein Denkanstoß?

Und jetzt zu den Fotos…
Error: the communication with Picasa Web Albums didn’t go as expected. Here’s what Picasa Web Albums said:





Error 404 (Not Found)!!1

404. That’s an error.

The requested URL /data/feed/api/user/henrikrwanda/album/NyungweMitTantchenHihi?kind=photo was not found on this server. That’s all we know.

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3
Kommentare
ben
25. November 2010
09:45 Uhr

Hey Henrik,

also ich finde deine Worte ganz und gar nicht sinnlos!
DAs sind Gedanken, die sich jeder macht, der sich wirklich tief mit einer Gesellschft beschäftigt.
Das sind Gedanken, die man sich meist erst dann macht, wenn man persöhnlichen Kontakt und Freundschaften mit reichen und armen zu gleichen Teilen schließt.
Das sind Gedanken, die einigen anderen einfach fehlen!

Ich denke nicht das man ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man sich freiwillig zu einem sozialen Jahr meldet.
Natürlich kann man komplex gesehen nichts verändern und niemandem zu seinem“Reichtum“ verhelfen.
Aber Du kannst eben ehrliche Gespräche führen, Freunde finden und so eben eine Gewisse Art von innerem Reichtum schaffen.

Indem Du Deinen Bekannten dort wissen vermittelst, gibst Du ihnen Deinen respekt und warscheinlich auch Hilfe zur Selbsthilfe.
Sie geben Dir ihre Freundschaft und lassen Dir Einblicke in ihre Familie und Kultur gewähren.

Win Win oder?

Du kannst ja zb. ne Auslauf-Modell-Schuh Sammlung starten und einen kleinen non-profit Buissnes mit deinen Bekannten vor Ort starten.
Das schafft Strucktur, Arbeit und Du bist die Schuhe los.

Na ja, aber da ich selbst auch nichts in der Richtung mache, halte ich mich hier besser einmal bedeckt!

Bis zum nächsten Brief.

Der Ben

Dominique
25. November 2010
14:37 Uhr

Même si je ne comprend pas bien tout, TU AS RAISON.

Henrik
26. November 2010
14:14 Uhr

Eine-Auslauf-Modell-Schuhsammlung gibt es hier auf jedem Markt und Struktur gibt es hier ja auch; wenn auch vielleicht eine andere. Ich muss als „Weißer “ ja nicht hierhin kommen und selber anpacken… auch wichtig und ein zentraler Punkt was die Entwicklungshilfe-Ehtik angeht – womit ich ja eigentlich auch nichts zu tun habe. Das soll ja am besten von selber passieren.
Recht hast du aber, dass mich hier Leute manchmal (von sich aus!) fragen, wie dieses oder jenes in Deutschland geschieht. Wer weiß, vielleicht können die ein oder anderen etwas von meiner doch sehr kurzen Lebenserfahrung profitieren? Ich würde das dann nicht Wissen nennen, aber die Augen eines Ruanders sind schon ziemlich riesig, wenn man erklärt, dass in Deutschland unter 5 Prozent in der Landwirtschaft beschäftigt sind. In Ruanda sind es etwa 80 Prozent.
Und was? Ihr benutzt Maschinen?

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