Zeit in Ruanda

am 4. November 2010 um 11:52 in Erlebnisse, Wissen | bisher ein Kommentar

Letztes Wochenende war Zeitumstellung in Deutschland. Wir sind Deutschland also täglich eine Stunde voraus – zumindestens zeitlich betrachtet. Eine Gelegenheit mal etwas über Zeit hier zu berichten.

meine Zeit

Am heutigen Tag bin ich exakt 84 Tage in Ruanda. Mein erstes Viertel habe ich bald schon hinter mir. So schnell vergehen drei Monate.

Ich erinnere mich noch, als ich hier ankam und sich vor allem die ersten drei Wochen wie zu lang gegrillte Bruschetten beim Beißen ledernd hinzogen. Das hat sich langsam geändert. Ich neige fast schon dazu zu sagen: „es sind nur noch 9 Monate“. Ich habe mittlerweile schon viel vor für den Rest meines Jahres hier und gefühlt wird es einfach eng.

Anders war es hier am Anfang. Alles war neu, alle starrten einen an, wollten einem ein Taxi andrehen oder wenigstens mit dem Moto fahren, einem Handykarten verkaufen. Die Anschläge zu den Wahlen waren noch jung und man sah zum ersten Mal ein Land, in dem Soldaten absolut zum Straßenbild gehören, obwohl es nicht einmal Rumore gibt. Wohlfühlen ist definitiv etwas anderes. Und ständig hatte man die Zahl vor Augen – 12 Monate bleibst du jetzt hier, zwischen diesen Irren und Verückten, zwischen dem Neuen und Unbekannten.

Irgendwie hat sich nichts geändert. Immer noch hört man in seinem Rücken „Mister, Taxi“, immer noch werden einem beim Gehen durch die Stadt MTN-Karten entgegengestreckt und auch die Pump-Guns vorm Einkaufszentrum beginnt man langsam zu ignorieren; aber die Zeit geht trotz allem schneller vorbei, als zu Beginn. Zeit ist relativ, wie mir schon J.F. aus B. in Physik beibrachte (Grüße an alle…).

ruandische Zeit

Auch Ruander haben natürlich ihre Zeit. Aber die ist anders. Gerne sagt man den afrikanischen Ländern nach, dass sie ein anderes Zeitkonzept haben und auch Ruanda bietet dafür das ein oder andere Beispiel. Dabei beachte man aber, dass es in vielen Situationen auch hier wichtig ist, pünktlich zu sein. Leider weiß ich bis jetzt noch nicht, woran man erkennt, wann man pünktlich sein muss und wann nicht. Nicht, dass ich dieses Verhalten zwingend adaptieren will, aber es kann schon ärgerlich sein, wenn man pünktlich ist und erstmal eine Stunde (aufwärts…) warten muss. In Ministerien und Schulen soll Pünktlichkeit sehr wichtig sein, aber da arbeite ich nunmal nicht…

Die Zeitkonzepte, die findige Wissenschaftler mal aufgeschrieben haben, lauten übrigens „lineares Zeitkonzept“ und „polychrones Zeitkonzept“. Das lineare Zeitkonzept sieht vor, die Zeit sich möglichst effizient einzuteilen und vor allem aufgaben- / ergebnisorientiert zu nutzen. Das polychrone Zeitkonzept wiederum stellt die Zeit mehr in den Hintergrund und sieht das Erlebnis im Vordergrund.

Guckt man in Ruanda während eines Gespräches beispielsweise auf die Uhr, signalisiert man seinem Gegenüber damit, dass man gehen möchte. Wie viel Uhr es also ist, spielt keine Rolle. Es gibt förmlich keine Möglichkeit auf die Uhr zu gucken, außer es ist schon im Voraus bekannt, dass man einen Termin hat, der wichtig ist. Auf der anderen Seite ist es manchmal aber auch praktisch, den „gehetzten“ Europäer zu spielen, auf die Uhr zu gucken und dann endlich gehen zu können…

Zeitunterschied: je Land desto langsam

Je weiter man sich vom Stadtgebiet – welcher Stadt auch immer – entfernt, desto langsamer wird es. Ich erinnere mich dabei speziell an meinen ersten Besuch außerhalb Kigalis in Nkumba. Dort ging eine ruandische Familie, vorne weg die Großmutter, vom Gottesdienst nach Hause. Mit Bedacht wurde jeder Fuß vor den anderen gesetzt, alle hielten sich ans Tempo der Großmutter. Kam jemand entgegen, blieben alle stehen, schüttelten sich die Hände, machten die übliche Prozedur („Amakuru?“ – „Ni meza!“ – „Bite?“ – „Ni byiza.“ – und dann fragt der Gefragte zurück) und gingen weiter, bis die nächsten begrüßt werden mussten.

Es gibt zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nichts großes mehr zu tun. Es ist gerade 12 Uhr, die Sonne ist heiß, schnelle Bewegung würde einen ja nur ins Schwitzen bringen. Das nächste große Event ist wahrscheinlich das Kochen am Abend; so schadet es nicht wenn sich 1000m Heimweg mal über eine Stunde ziehen.

Vor zwei Wochen war ich dann mal zu Besuch in Gitarama, welches zweit- oder drittgrößte Stadt Ruandas ist. Selbst hier ist es nicht so wie in Kigali. Auf dem Rückweg von der Kirche, stellte ich gemeinsam mit anderen Leuten aus Kigali fest, dass auch hier ein Schritt im Schnitt 20 cm kleiner ist. Vielleicht ein Zeichen von weniger Hektik?

In Kigali hatte ich mit Moritz zusammen ein anderes Beispiel für Zeit. Abends wollten wir mit dem Bus vom Stadtzentrum aus nach Hause fahren. Ab 17 Uhr sind die Busse Richtung Nyamirambo aber überfragt. Das heißt Warten.

Wir warteten lange, es kamen nur wenig Busse, die meisten Busse hatten wahrscheinlich schon den ersten Schwung Fahrgäste aufgelesen (es gibt hier keinen Fahrplan…). Nicht nur wir warteten. Auch die anderen. Krass sind dann aber immer die Momente, in denen dann ein Bus ankommt. Es scheint als würden alle Ruander ihren guten Vorsatz, in der Schlange zu warten, vergessen und stürmen wie von einer Uhr verfolgt in den Bus. Wenn sie es schaffen. Es scheint, als würde man sich in Kigali mit der Zeit und Warten solange arrangieren, wie es denn keine Alternativen gibt. Und sobald es geht – oder man will – wird gehetzt. Ein krasser Unterschied.

Warum sich während der 25 Minuten vorher aber keiner beschwerte, warum denn keine Busse kämen, das blieb für Moritz und mich bis jetzt ein Rätsel…

Kurz noch ein paar Fakten…

Der Tag in Ruanda – da wir sehr nah am Äquator liegen – dauert immer ~12 Stunden. Um 6 Uhr wird es hell um 18 Uhr wird es dunkel (+/- 30 Minuten).

2004 betrug die durchschnittliche Lebenszeit in Ruanda laut der WHO 46 Jahre – bei Männern 44 Jahre, bei Frauen 47 Jahre.

Per Gesetz ist man die ersten 36 Jahre seines Lebens jugendlich.

Ruanda befindet sich in der Ostafrikanischen Zeitzone GMT +02:00. Es gibt keine Sommer- oder Winterzeit. Deswegen bin ich also die nächstens 6 Monate immer eine Stunde vor euch im Bett 😉

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1
Kommentar
Maria
16. November 2010
14:21 Uhr

Es ist doch immer wieder interessant was ich von dir über Land und Leute erfahre.Mein Traumziel Afrika wird immer dringender.

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