Hochzeit auf ruandisch

am 22. Dezember 2010 um 11:29 in Erlebnisse, Wissen | bisher 4 Kommentare

Es ist so eine Art Klischee. Jeder Freiwillige, der versucht einen halbwegs seriösen Blog zu verfassen muss es mal gemacht haben: an einer Hochzeit mit Landesgepflogenheiten teilnehmen und dann darüber berichten.
Vielleicht war es bei uns (Moritz und mir) sogar ein bisschen anders, weil wir nicht nur eingeladen waren, sondern auch halfen und „zum erweiterten Familienkreis“ gehörten – der Bräutigam war der Bruder unseres Mitbewohners und Freundes Dominique.

Jetzt ist so eine ruandische Hochzeit ziemlich aufwändig. Schnell in die Kirche und danach in einen feierwürdigen Saal und sich die Birne blau saufen die Vermählung mit Schmaus und Trank genießen (Anm.: nachträglich geändert), das ist doch eher deutsch. Hier in Ruanda stehen Tradition, Moderne und vorchristliche Kultur sehr nah aneinander. Mein zweiter Eindruck war auch, dass hier jede Hochzeit gleich abläuft – denn jeder wusste Bescheid, was in diesem Hick-Hack als nächstes zu tun ist. Aber lasst mich erstmal beschreiben, was so ablief.

Freitagsabends traf sich die ganze Familie um den darauf folgenden Tag zu planen und zu besprechen. Ich war ein bisschen verwundert, dass so etwas wie ein Zeitplan erst am Vortag erstellt wird… aber auch dieses Meeting fing mit eineinhalb Stunden Verspätung an; ich hatte ja mal über Zeit geschrieben. Pünktlichkeit bei einer Hochzeit: unwichtig.

Ausgerechnet unserem Haus (also Dominique, Mukimbiya, Moritz und ich) wurde dann die Funktion des „Timekeepers“ zugewiesen. Das heißt auf die Uhr gucken und ständig nerven, dass es vorgan gehen muss.

Nächster Morgen. Unser Direktor, ebenfalls Bruder des Bräutigams und Organisator der Hochzeit, rief uns an: alles bis zur Messe wird um eine Stunde nach hinten verschoben. Alles klar…

Erste Station am Morgen war wieder das Haus des Bräutigams. Freunde und Familie des selbigen warfen sich in Schale, typisch ruandische Gewänder. Um 9 Uhr fing man mit dem Umziehen an. Von meinem Empfinden her, hätte man nach 20 Minuten fertig sein können, aber Dominique versicherte uns, es hätte Gründe, dass man den „Timekeeper“ auf einer ruandischen Hochzeit eingeführt hat. Um 10 Uhr konnten wir samt Brautgeschenken das Haus verlassen.

Der Tag war brühend heiß. Erste Station für die Familie des Bräutigams war das Haus seiner Eltern. Der Tradition entsprechend trinkt man dort seine letzte Milch, bevor man das Haus „offiziell“ verlässt. Mit Onkels, Tanten, Eltern, Cousins, Cousinen und den Freunden geht es dann Richtung Haus der Braut. Mittlerweile waren wir so viele Teilnehmer, dass Busse fuhren um alle zu transportieren und um die beiden Hochzeitjeeps (extra für die Hochzeit gemietet!) zu eskortieren. Übrigens noch ohne Hupen, denn geheiratet hat man ja noch nicht.

Das Haus der Braut war extra angemietet worden, damit man viel Platz hat – die Hochzeitsindustrie ist in Ruanda sicher alles andere als ein Verlustgeschäft. Im Garten waren drei Zelte installiert. Eins für die Angehörige der Braut, eins für die Angehörige des Bräutigams und eins für Braut und Bräutigam. Alles war sehr schön dekoriert. Eine (teure) Band hatte man auch organisiert.
Man setzte sich. Dass man Moritz und mir extra noch Plätze anbieten würde, war gewohnt obligatorisch. Wir waren natürlich die einzigen Weißen.

Der Brautpreis war schon im Voraus gehandelt worden. Jetzt ging es in einer ziemlich langen Zeremonie darum, die Familien einander gesonnen zu stimmen. Ein unschönes Relikt des Genozids war, dass die Eltern der Braut nicht mehr lebten, sodass ein Freund der Braut diesen offiziellen Part übernahm – aber auch der Vater des Bräutigams hatte sich einen Vertreter engagiert, da man für diesen Teil durchaus Redefähigkeit besitzen muss, Witze reißen können muss, spontan sein. Man überreicht sich teuren Alkohol, trinkt ein Bier zusammen, eine Cola zusammen, man wünscht sich Gesundheit und so weiter. Auf einmal wurde ich mit drei Weiteren dazu auserkoren, die Kühe zu betrachten (die früher der wirklich offizielle Brautpreis waren). Anschließend musste man etwas sagen – blöd, wenn alle um einen herum auf Kinyarwanda labern. Ich sagte einfach „Je suis pas un vétérinaire, mais je pense que les vaches sont bien“, und hatte etwas gesagt, was zumindestens nicht unpassend war. Wie schnell man hier immer zum Mittelpunkt wird…

Um 13 Uhr fragten wir dann das Protokoll (ein anderer Hochzeitjob), wie lange die Zeremonie noch braucht. Der Bräutigam hatte nichtmal seine Braut gesehen und in einer Stunde sollte der Gottesdienst anfangen – die Zeremonie hatte übrigens auch nur dank uns schon um 11:30 Uhr angefangen. Die Familie der Braut hätte am liebsten erst um 12 Uhr angefangen. Eine Stunde dauerte das Ganze noch. Die Mittagssonne brannte uns die Birne weg, aber nachdem das offizielle Protokoll vorbei war hatten die Beteiligten immer noch genug Energie um (in der Sonne!) ein Lied mit der Band zu singen. Zum Glück war das Protokoll von dem Hinweis überzeugt, dass der Gottesdienst schon vor 10 Minuten anfangen sollte und sie schaffte es die anwesenden Gäste recht zügig der Location zu verweisen.

Es war 15:30 Uhr als endlich der Gottesdienst anfangen durfte. Die Messe war eine Doppelhochzeit, das heißt, es gab zwei Hochzeitsgesellschaften und zwei Brautpaare. Peinlich für unsere Gesellschaft: die anderen waren pünktlich. Nach eineinhalb Stunden Warten konnte der belgische Pater der katholischen Kirche in Kimisagara endlich anfangen. Belgischer Pater? Naja, die „weißen Väter“, wie sie genannt werden, leben hier so lange, dass sie fließend Kinyarwanda sprechen, aber ursprünglich sind sie belgisch.

Die doch mehr formell als emotionale Zeremonie dauerte etwa 90 Minuten, anschließend ging es in ein Konferenzzentrum, wo man dann die Fotos schoss. Danach ins Maison des Jeunes, wo der Saal für die Hochzeit gemietet wurde. Hier durften dann Familie, Freunde und sonstige Angehörige alles zum Besten geben, was sie für sinnvoll hielten. Ich muss zugeben, dass ich mir das nicht lange angetan habe. Alter Ruander, war ich hier schon müde. Das Brautpaar tat mir irgendwie auch Leid. Aber eine Hochzeit ist in Ruanda eben auch sehr viel Familienangelegenheit. Sie wird auch maßgeblich von der Familie mitfinanziert. Umgerechnet kostete die Hochzeit ungefähr 4000 Euro, was hier wirklich ein Vermögen ist.
Das Protokoll im Maison des Jeunes war zum Glück darauf aus, die Zeremonie möglichst schnell zu beenden. Denn der Abend war ja noch nicht vorbei.

Nach gut 12 Stunden waren wir wieder im Haus von Didier. Alles was nicht entfernt bekannt war, durfte mitkommen. Hier wurde der Abend gemeinsam reflektiert, allen nochmal das Beste gewünscht und mehrfach gedankt. Dazu gab es etwas zu Essen und noch mehr Frei-Fanta und -bier. Weiterhin wartete man auch darauf, dass die Familie der Frau den Hausrat vorbei bringt – ebenfalls eine Zeremonie… puuuuuuh.

Mit meiner Restenergie schleppte ich mich mit ein paar Leuten noch in eine Bar, wo ich dann noch einiges über ruandische Hochzeiten erfuhr. Eine ruandische Hochzeit ist sehr anstrengend. Aber auch sehr aufschlussreich. Und mit einer anderen Romantik, als man sie bei einer deutschen Hochzeit erwarten würde. Blau sind sie aber auch hier alle.

Böse Zungen behaupten ja, der Großteil wäre schon in der Kirche benebelt. Diese böse Mittagshitze!
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Kommentare
Opa
23. Dezember 2010
00:10 Uhr

Lieber Henrik !
Ich lese alle Deine Berichte/Aufsätze/Blogs.
Alles interessant! Schreib´ weiter!
Viele Grüße! Opa

Inge Burgis
23. Dezember 2010
10:11 Uhr

Hallo lieber Henrik, ich schaue fast täglich auf Ihre (deine ) Webseite, und verfolge mit Interesse deine wirklich interesanten Berichte und wollte Dir auf diesem Wege ein vielleicht doch etwas anderses schönes Weihnachten und ein gesundes neues Jahr wünschen.

Viel Erfolg weiterhin und liebe Grüße
Inge Burgis

Regina
23. Dezember 2010
18:30 Uhr

Lieber Henrik,
auch ich lese Deine Reportagen mit Interesse.Schon die Überschrift erweckte meine Neugier und wurde durch die Detailfülle auch nicht enttäuscht.Nur mit Deiner Meinung,dass man bei uns schnell in die Kirche ginge,um sich danach die Birne „blau zu saufen“,bin ich nicht einverstanden,da dies auch noch typisch deutsch wäre.Lieber Henrik,viele Hochzeiten hast Du demnach in Deutschland noch nicht besucht.Ich wünsche Dir ein schönes Weihnachtsfest und ein glückliches,ereignisreiches und vor allem gesundes Neues Jahr.

Liebe Grüße
Regina N.

ina madadi
31. Januar 2011
09:14 Uhr

Hallo Henrik,
Ich hatte einige Wochen kein internet und konnte erst jetzt deine Berichte wieder verfolgen.Sehr interssant fand ich diesen hier.Überhaupt finde ich deine Fotos auch von dem Land sehr gelungen.Ich wünsche dir auch weiterhin eine schöne Zeit dort.

Liebe Grüße
Ina Madadi

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