Eine kleine Sonntagsgeschichte

am 23. Januar 2011 um 22:34 in Erlebnisse, Rwandaview | bisher unkommentiert

Hallo, mein Name ist Emanuel. Ich bin 9 Jahre alt. Ich wohne in Kigali, der Hauptstadt von Ruanda. Ich lebe hier in Nyamirambo, dem muslimischen Stadtteil. Hinter dem Sun City Hotel ist mein Reich. Am liebsten spiele ich Fußball auf dem Grundstück unserer Nachbarn oder wir machen kleine Streiche. Wir, das sind meine besten drei Freunde: Eric, Jean-Baptiste und Paul, den wir immer nur P nennen.

Wenn wir mal nicht auf Pauls Schaukel schaukeln oder unsere kleinen (und manchmal sogar die großen!) Schwestern ärgern, dann machen wir den Hund unserer Nachbarn verrückt. Er mag es überhaupt nicht, wenn wir an das Tor des Grundstücks klopfen oder Seile darunter her rutschen lassen. Wenn er dann so richtig wütend ist, gehen wir auf die andere Außenseite des Grundstücks, wo man auf das Grundstück ein bisschen runter gucken kann, und dann rufen wir den Namen des Hundes: „Boxe“.

Boxe ist sehr gefährlich. Er bellt uns immer an. Ich bin sehr glücklich, dass die Mauern unserer Nachbarn so hoch sind. Unsere Nachbarn sind übrigens Abazungu (weiße Männer). Nun gut, nicht alle sind weiß, aber wir nennen sie halt immer so, wenn wir mit den anderen über sie reden. Wir haben immer Angst, wenn sie aus dem Haus kommen. Nicht, weil die Weißen uns Böses wollen, aber wegen ihrem Hund. Wenn sie rausgehen, dann können wir Boxe immer direkt sehen, vor unseren Augen. Ein paar mal hat uns ein Muzungu dabei erwischt, wie wir Boxe ärgerten. Er machte das Tor auf und ließ Boxe raus. Wir sind ganz schnell weggerannt. Zum Glück waren wir schnell genug, denn der Hund lief nicht hinter uns her.

Als mir das zum ersten Mal passierte, war ich voll schockiert. Seitdem bin ich immer weggelaufen, wenn jemand das Tor aufgemacht hat. Zwar sagt uns Mukimbiya (der auch bei den Weißen wohnt) immer, dass wir vor Boxe keine Angst haben sollen, aber ich weiß nicht. Auch wenn ich Mukimbiya mag und ihn bewundere, ich traue ihm nicht so ganz.

Aber heute ist es dann passiert. Als es gerade eine Stunde dunkel war, ging bei unseren Nachbarn wieder das Tor auf. Weil ich dachte, dass Boxe uns eh nicht sehen kann, blieb ich einfach stehen. Heraus kam der eine Weiße. Er hatte eine Papiertüte in der Hand. Ich begrüßte ihn laut und deutlich mit „Good Morning“, denn schließlich begrüßen wir unseren Lehrer in der Schule genauso, und weil er wohl nicht bemerkt hatte, dass ich ihn gegrüßt hatte, hing ich noch schnell ein „Umuzungu“ dran.

Keine Reaktion.

Mysteriös. War er schlecht gelaunt? Oder mag er mich nicht? Nein, dann würde er mir das ja sagen. Wo geht er denn hin? Ich wollte schon immer mal wissen, was Weiße eigentlich so machen. Die sind ja ganz anders!

Ich folgte ihm. Er ging runter zu den Alimentationen. Als ich meine Freunde entgegen kommen sah, lief ich demonstrativ nah an den Umuzungu heran und lud sie ein, doch auch mal zu gucken, wo der Weiße denn hin will. Eric wusste sogar seinen Namen. Weil wir uns nicht sicher waren, ob er es wirklich war, sagten wir nur ganz leise seinen Namen „Hennelike“. Paul versuchte es noch mit „Momo“, aber immer noch gab es keine Reaktion. War aber auch unwichtig – wir waren gespannt, was der Weiße jetzt machen würde…

Tuschelnd gingen wir ihm hinterher. Damit er uns nicht hörte, hielten wir ein bisschen Abstand. Dreihundert Meter später bemerkte er uns dann doch, schaute mich an und fragte, was ich von ihm wolle. Verängstigt blieb ich stehen, während meine Freunde mich auslachten und fröhlich weiterliefen. Puh, ich hatte schon befürchtet er würde mich schlagen. Das war echt peinlich. Wir hielten sicherheitshalber wieder etwas mehr Abstand. Man weiß ja nie.

Warum war der Muzungu jetzt so weit gelaufen? Wir waren doch schon an allen Alimentationen vorbei. Warum ging er jetzt in die Alimentation hier unten? Da wir mit der Besitzerin der Alimentation schon schlechte Erfahrungen gemacht hatten, blieben wir draußen und versuchten zu erkennen, was der Weiße da kaufte. Es kam aus dem Kühlschrank. Mehr konnten wir nicht sehen. Komisch. Direkt daneben kaufte er noch Brot und ging wieder die Straße bergauf. Bei den beiden Bäuerinnen machte er noch halt und kaufte Tomaten. Das war nicht so spannend, also gingen wir schonmal vor und warteten auf den Weißen bei den Steinen.

Mittlerweile hatten wir gemerkt, dass der Weiße ziemlich langweilig war. Wir gingen trotzdem noch mit ihm zurück. Wie aus dem Nichts sprach er uns an, diesmal auf English. Henrik heißt er. Er wollte meinen Namen wissen und wie alt ich bin. Leider habe ich den Rest nicht verstanden und finde es blöd, dass ich seine Sprache nicht spreche. Wie gerne würde ich ihn mit Fragen durchlöchern. Aber so ist das halt.

Morgen spiele ich mit Eric, Jean-Baptiste und Paul wieder Fußball. Und vielleicht trauen wir uns danach wieder an Boxe. Wir brauchen mal wieder eine richtige Mutprobe. Jetzt gehe ich schlafen. Gute Nacht.

Emanuel und seine Freunde sind fiktive Charaktere! Alles was sie sagen, habe ich ihnen in den Mund gelegt.

Anmerkung des Autors:

Hallo, mein Name ist Henrik. Ich habe heute Brot, Käse und Tomaten eingekauft. Und ich habe ein Problem: seit bald einem halben Jahr bin ich in Ruanda und habe hier einen Alltag, der für mich nur noch aus Banalitäten besteht, die ich fast nicht mehr berichtenswert finde. Ich freue mich über Anregungen oder direkte Fragen, denn es gibt eigentlich noch genug zu berichten. Ansonsten freue ich mich immer noch über jeden Leser, der meinen Blog findet, besonders über meine Bekannten und danke allen für ihre Grüße und Kommentare.

Auf die Idee einer anderen Erzählform kam ich übrigens, als wir uns auf unserem Zwischenseminar folgendes Video angeschaut haben:
Chimamanda Adichie: The danger of a single story

Sehr empfehlenswert.


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